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Kranzlegung zum Volkstrauertag 2017

Kranzlegung zum Volkstrauertag 2017

"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."
Anfang der 1980iger Jahre wurde dieses Motto vor dem Hintergrund der Aufrüstung der Weltmächte und der Furcht vor dem dritten Weltkrieg innerhalb kürzester Zeit populär. Das Kriegsthema war allgegenwärtig. Der Spruch traf den damaligen Nerv der Zeit, da er das Lebensgefühl vieler Menschen ansprach. Es war die Zeit der Bürgerinitiativen und Massendemonstrationen. Es herrschte Kalter Krieg und die Formulierung bot eine positive Vision: nicht mitzumachen, sondern sich zu verweigern. Ein anonymer Autor dichtete später dann noch eine Zeile hinzu und der Text lautete: "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin, dann kommt der Krieg zu euch." Es gibt viele Deutungsversuche dieser rätselhaft irritierenden Formulierung. Jeder möge eine eigene Interpretation dafür finden, denn Krieg und Vertreibung sind heute wieder Themen, die nicht nur die direkt betroffenen Gebiete etwas angehen. Sie finden nicht nur weit westlich und östlich der europäischen Grenzen statt, sondern sie haben auch direkte Auswirkungen auf Zuwanderung und Integration in unserem Land.

Überall auf der Welt wird gekämpft, wird gemordet. Es werden Menschenrechte mit Füßen getreten. Die Gewalt explodiert und die Brutalität, mit der Menschen gegen Menschen vorgehen, ist schier unfassbar. Worte und Bilder, Gesichter und Schicksale, die uns über die Medien erreichen, erschüttern uns. Das Kriegsgeschehen, die große Gewalt und das unermessliche Leid entsetzt und berührt uns. Es scheint, als gebe es derzeit so viele internationale Krisen von so unterschiedlicher, komplexer Natur, und das alles zeitgleich, wie nie zuvor. Und global betrachtet, sind wir von Frieden und Verständigung weit entfernt. Im Gegenteil: die Zukunft ist offen, und sie ist überwältigend ungewiss.

Der ehemalige israelische Staatspräsident Shimon Peres wurde im letzten Jahr, anlässlich eines Besuchs der Hebräischen Universität in Jerusalem, von einer jungen Absolventin gefragt: "Shimon Peres, was wird uns die Zukunft bringen?" Er antwortete ihr: "Die Zukunft ist wie ein Kampf zweier Wölfe. Der eine ist das Böse, ist Gewalt, Furcht und Unterdrückung. Der andere ist das Gute, ist Frieden, Hoffnung und Gerechtigkeit." Die junge Frau fragte: "Und wer gewinnt?" und Peres erwiderte: "Der, den du fütterst."

Wir leben in Europa seit über 70 Jahren in Frieden und Freiheit. Wir sind glücklich und dankbar, dass die Nachkriegsgenerationen die Aussöhnung mit unseren Nachbarn und die Sicherung des Friedens erreicht und gefestigt haben. Es besteht dennoch kein Anlass sich zurückzulehnen. "Die liberale Demokratie steht unter Beschuss", hat

Altbundespräsident Joachim Gauck in seiner Abschiedsrede im Bundestag gesagt. Unsere freie Zivilgesellschaft wird von Radikalismus und Terror bedroht. Und gleichzeitig schleicht sich von innen noch etwas anderes ein: Gleichgültigkeit, Trägheit und Teilnahmslosigkeit. Populisten verheißen uns nach dem Niedergang des Establishments eine blühende Zukunft, und präsentieren uns einfache Antworten. Wir sollten wissen, dass die einfachen Antworten in der Regel keine Antwort sind. Fehlende Empathie, kleinbürgerliche Enge und Geschichtsvergessenheit bilden den Nährboden für gefährliches Gedankengut. Demokratie ist nicht selbstverständlich und nicht für die Ewigkeit. Sie ist anstrengend und sie erfordert Mut von allen Beteiligten. Aber ihre Stärke liegt in der Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstverbesserung. Nutzen wir die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, für ein verantwortliches und solidarisches Handeln mit einander und füreinander.

Wir begehen heute den Volkstrauertag und gedenken derer, die durch Krieg und Terror, Gewalt, Diktatur und Vertreibung ihr Leben, ihre Heimat verloren haben. Wir gedenken auch derer, die wegen ihrer politischen Überzeugung, ihrer Rasse, ihrer Religion verfolgt, geschunden und ermordet wurden. Das Gedenken an die Toten lehrt uns, dass die Gemeinschaft Verantwortung für jeden einzelnen trägt. Und jeder einzelne trägt Verantwortung für die Gesellschaft, in der er lebt. Dieser Tag mahnt uns, den Wert des Lebens und die unveräußerliche Würde des Menschen als unser höchstes Gut zu betrachten. Aus dem Gedenken des heutigen Tages ergibt sich für uns alle die Pflicht zur Verantwortung für den Erhalt des Friedens. Unsere Gesellschaft muss das Bewusstsein für diese Verantwortung an künftige Generationen weitertragen. Der Volkstrauertag hat sich nicht überlebt, sondern ist ein Stück unverzichtbarer Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen und ebenso ein Mahn Tag für den Frieden in einer Welt, die in vielen Ländern und Regionen so unfriedlich ist.

VdK Ortsverband Köln-Poll

Quelle: Gesehen, gehört, erzählt von / Foto: © Albert Ackermann

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