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"Test" Spaziergang
zur Öffnung des Leinpfades nach Westhoven

Zu einem ungewöhnlichen Spaziergang trafen sich am Sonntagnachmittag, den 17. Oktober 1976, 25 Poller-Bürger am Fischerhaus, Sie wollten am Rheinufer entlang über den Leinpfad nach Westhoven gehen. Ungewöhnlich, weil es verboten ist. Der Weg führt auf einer Länge von ungefähr 1.500 Metern durch das militärisches Sperrgebiet der belgischen Kasernen in. Westhoven. Ein Problem, über das schon seit Kriegsende und somit seit über 30 Jahren besteht. Gespräche werden seit Anfang der 70er Jahre geführt. Ergebnisse gleich Null!!
Die Öffnung des Leinpfades steht immer noch aus.  Hans-Jürgen Wischnewski

Bisher endet jeder Spaziergang am Poller Rheinufer etwa 300 Meter südlich der Rodenkirchener Brücke kurz hinter dem Poller Wiesenhaus, dort beginnt das Gelände der in Westhoven stationierten belgischen Truppen. Das funktional dem Bund und verwaltungsmäßig der Stadt Köln unterstellte Gebiet gelangte nach dem Krieg in den Besitz der belgischem Armee. Seitdem bemühen sich Bürgervereine von Poll und Westhoven, auch der Rat der Stadt Köln, den hier unterbrochenen Leinpfad für die Bevölkerung wieder begehbar zu machen. Laut Berechnungen der Stadt Köln kostet der Ausbau und die Absicherung des Weges gegen Hochwasser ca. 1.130.000 DM (gleich 577.760 Euro). Mit den beigischen Behörden führte Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski Verhandlungen. Sie ergaben, daß man sich zwar bereit erklärte, den Weg zu öffnen, aber nur an Samstagnachmittagen, Sonntagen und belgischen Feiertagen sowie unter der Bedingung, daß die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt werden. Diese von belgischer Seite geforderten Sicherheitsmaßnahmen sehen einen Zaun auf beiden Seiten des Weges und eine Überbrückung des Militärhafens der Belgier vor. Eine auf Grund dieser Forderungen erneute Berechnung der Ausbaukosten durch die Stadt Köln ergab den Betrag von 638.600 DM (gleich 326.204 Euro).
"Eine viel zu hohe Summe", meint der Vorsitzende des Ortsvereins der Poller SPD und Bezirksvertreter, Horst Winkler, "dafür, daß die Bürger an zwei Tagen in der Woche durch einen Käfig laufen können. Wir bezweifeln nicht, daß ein solcher Zaun kostspielig ist, er müßte aushebbar sein wegen des Hochwassers, das hier öfters auftritt. Was wir bezweifeln, ist die Notwendigkeit solcher Sicherheitsvorkehrungen." Eine im April 1976 an den belgischen König gerichtete Petition durch den Vorsitzen des Arbeitskreises für Kommunalpolitik der Poller SPD, Wolfgang Breuer, sowie eine Vorlage beim Verteidigungsministerium blieben bisher erfolglos.  Westhover Aue / © k-poll.de

Um sich das Streitobjekt näher anzusehen, lud Horst Winkler vergangene Woche zum Spaziergang ein. 20 Männer und Frauen, fünf Kinder und zwei Hunde erschienen an, Sonntagnachmittag dem vereinbarten Treffpunkt und setzten sich in Richtung Sperrgebiet in. Bewegung. Vorsitzender Winkler: "Wir wollen lediglich testen, inwieweit von belgischer Seite die Sicherheitsvorkehrungen wahrgenommen werden, das heißt, ob der geforderte Zaun wirklich erforderlich ist." Unterhalb des Leinpfades gelangten die Spaziergänger ohne Schwierigkeiten auf belgisches Gebiet. Nur ein altes morsches Schild an einem Baum wies auf die Sperrzone hin. Dem Weg folgend sein Name stammt übrigens aus der Zeit, als hier die Rheinschiffer mit Leinen ihre Boote flußaufwärts zogen gelangte man an den kleinen Militärhafen: von Sicherheitsvorkehrungen keine Spur. Lediglich einige alte Kasernen, die noch von der Reichswehr stammen und im Wasser liegende Pontons zeugen davon, daß man sich auf militärischem Gelände befindet. Angesichts der gut ausgebauten breiten Kaimauer bestreitet Hans-Peter Schäfer, stellvertretenden. Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, auch die Notwendigkeit einer Brücke über den Hafen. "Man könnte den Weg genauso gut über die Mauer um den Hafen herum laufen lassen." Als die Poller weitergingen, tauchten plötzlich zwei belgische Soldaten auf, sichtlich erbost darüber, daß man sie in ihrer Mittagsruhe störte. Das Erscheinen der beiden Uniformierten schien auf einige der Poller Gruppe einen solchen Eindruck zu machen, daß sie sich zurückzogen. Der Rest ging unerschrocken in Richtung Westhoven und gelangte schließlich am dortigen Trennzaun zwischen öffentlichem und militärischem Gebiet an.

Der Rückmarsch erfolgte unter den mißtrauischen Blicken zweier mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten, die in gebührendem Abstand folgten. Als die Gruppe in Poll wieder städtisches Gebiet erreichte, erschienen weitere neun schwerbewaffnete Soldaten, die nun das Ufer absicherten.

Der als ,Sonntagsspaziergang' getarnte Test war beendet. "Er hat uns gezeigt, daß die Forderungen total überhöht sind", stellte Winkler fest. "Wenn man heute, ohne von den Soldaten behelligt zu werden, nach. Westhoven laufen kann, weshalb sollte das nicht auch in Zukunft möglich sein? Wozu dieser Korridor?" Um ein übertreten auf militärisches Gebiet zu verhindern, genüge ein Zaun auf der landeinwärts gerichteten Seite. Zum Rhein hin sei er überflüssig, da das dort liegende Gebiet Überflutungsland darstellt und somit dem Wasserwirtschaftsamt der Stadt Köln unterliege.

Über das Ergebnis dieses Tests soll in den Parteiausschüssen beraten und dann erneut Staatsminister Wischnewski eingeschaltet werden. Eine zweite offizielle Begehung des Leinpfades durch das Straßenbauamt, den Grünausschuß der Stadt Köln und die Bezirksvertreter ist für nächsten Monat geplant. Vorsitzender Winkler: "Im Prinzip dürfte für das Wohl der Bürger nichts zu teuer sein, jedoch sind 638 000 DM (gleich 326.204 Euro)für eine Öffnung an nur zwei Tagen in der Woche nicht realistisch!"

Quelle: Kölnische Rundschau & Kölner Stadt Anzeiger

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